Janusz Miliszkiewicz Sie haben den „Katalog der Aktiengesellschaften des Zwischenkriegpolens und von diesen Gesellschaften emittierte Aktien" erarbeitet und herausgegeben. Was findet der Leser darin?

Leszek Koziorowski: Im Katalog befinden sich alle polnischen Aktiengesellschaften, die zwischen dem 11. November 1918 und dem 1. September 1939 auf dem Gebiet der Republik Polen, innerhalb der Landesgrenzen vor dem Anschluss des Olsagebiets, ihre Tätigkeit aufgenommen haben.

Es gibt insgesamt 2494 davon. Der Katalog identifiziert auch 5044 Aktien, die Sammlern zum gegenwärtigen Zeitpunkt bekannt sind. Solche, die wir auf Grundlage glaubwürdiger Quellmaterialien beschreiben können. Es wurden Fotos von 476 Aktien veröffentlich, die prinzipiell einzigartig sind. Etwa 60 Prozent davon stammen aus meiner Kollektion. Die restlichen sind Eigentum von Museen, Bibliotheken und anderen Sammlern. Was die im Katalog beschriebenen Aktien betrifft, befindet sich genau die Hälfte davon in meiner Sammlung.

Sammler entdecken jedes Jahr weitere historische Aktien.

Noch vor fünf Jahren kamen jährlich etwa 50 zuvor unbekannte Papiere auf den Markt. In den letzten Jahren werden es immer weniger, meistens ca. 20-30 jährlich.

Wird es weitere Bänder geben?

Es wird weitere, umfassendere Ausgaben im Laufe der Auffindung von weiteren Dokumenten geben. Wenn nach zehn Jahren 200 – 500 weitere Papiere dazugekommen sind, wird man den „Katalog“ ergänzen müssen.

Der „Katalog" ist die Einführung zur Schaffung einer allgemein verfügbaren Webseite. Dies wird eine Datenbank mit Informationen zum Thema dieser 2494 polnischen Aktiengesellschaften sein. Mittels der Webseite möchte ich Monografien der einzelnen Gesellschaften erbauen. Jede von ihnen wird ihre eigene Geschichte beschrieben haben, Tätigkeit, Geschichte der Gründer, des Kapitals etc. Dort werden Quellmaterialien veröffentlicht, also z. B. erhaltene Rechnungen, Korrespondenz, Archivfotos, z. B. Fotos der Mitarbeiter der Gesellschaft oder der Gebäude. Ich möchte auch, dass dort z. B. eine Dokumentation der Produkte der Gesellschaft erscheint. Aber vor allem wird sich auf der Seite eine komplette rechtlich-formelle Beschreibung von jedem Unternehmen wiederfinden.

Jeder wird diese Seite besuchen und sehen können, dass an der Stelle unter der jeweiligen Adresse die konkrete Gesellschaft tätig war. Ich möchte diese Seite gleich nach den Ferien starten.

Der von ihnen herausgegebene „Katalog" ordnet das Wissen über den Kapitalmarkt.

Es kommt vor, dass eine Gesellschaft z. B. Polski Przemysł Korkowy und kurz danach – Linoleum hieß. Der Katalog zeigt, dass dies trotz der überraschenden Namensänderung immer noch dieselbe Gesellschaft war.

Ich hoffe, dass der „Katalog" zum grundlegenden Werkzeug für jeden Aktiensammler wird, dass auch z. B. Wirtschaftshistoriker diesen in Anspruch nehmen werden.

Sie bekommen fertige, verifizierte Informationen. Davon können auch regionale Forscher Gebrauch machen. Wenn sich jemand z. B. für die Geschichte von Łódź interessiert, findet er dank der Aufstellung aller Gesellschaften jene, die in dieser Stadt tätig waren. Der „Katalog“ ist die Einleitung zu weiteren Forschungen und Suchen.

Die Auflage des „Katalogs" betrug nur 182 Exemplare.

So viele Bestellungen gab es. Die Auflage ist erschöpft, aber es gibt schon weitere Anfragen. Wenn ich z. B. 20 Bestellungen gesammelt habe, gebe ich den Nachdruck in Auftrag. Jedes Exemplar ist namentlich (und wird es auch sein), ausgestellt auf einen konkreten Käufer. Das ist so ein Scherz-Äquivalent zum namentlichen Wertpapier, aber auch – hoffentlich – ein nettes Andenken.

Weshalb haben Sie diese Monografie geschrieben?

Vor etwa zehn Jahren habe ich befunden, dass der Zustand des Markts die Erschaffung eines Wertpapierkatalogs erlaubt. Vor einem Jahr habe ich mit der endgültigen Redaktion der Materialien begonnen, die ich über diese Jahre gesammelt habe. Für mich ist auch wichtig, dass es aktuell keine Gefahr der Nutzung des „Katalogs“ für Versuche der Reaktivierung einstiger Aktiengesellschaften gibt. Aktuell geltende Regelungen erlauben keine „Wiederbelebung“ von Vorkriegsgesellschaften, deshalb glaube ich, dass es keine weiteren Versuche der Erschwindelung von Vermögen durch sog. „Reaktivateure“ geben wird. Die positiven Rechtsänderungen sin dam 1. Januar 2016 in Kraft getreten.

Sie sind Vorsitzender der Vereinigung der Sammler Historischer Wertpapiere. Diese zählt etwa 70 Mitglieder. Weshalb so wenige?

In der Vereinigung sind Personen, die sich tatsächlich am Leben des Umfelds engagieren. Insgesamt gibt es etwa 300 Sammler im Land. Dieses Sammlertum ist außergewöhnlich elitär, wir sollten keine Angst vor diesem Wort haben. Die fortgeschrittene Sammlung von Wertpapieren ist nicht billig! Billig kann man die ersten 300, vielleicht 500 Papiere kaufen, die beliebtesten und am einfachsten erhältlichen. Diese kosten ca. 20 – 50 PLN pro Stück. Im Laufe von einem oder zwei Jahren kann ein engagierter Sammler ein Grund-Set mit 300 günstigsten Aktien erstellen, so ein Skelett einer Sammlung. Leider steigt der Wert weiterer Papiere in der Sammlung exponentiell an. Die weiteren Dokumente kosten durchschnittlich 300 – 600 PLN, und wahre Sammlerstücke – etwa mindestens 5 Tsd. PLN. Solch hoch geschätzte Papiere kann es viele geben. Diese zeugen vom wahren Wert der Sammlung, auch vom emotionalen Wert. Unter den Sammlern finden sich viele Unternehmenseigentümer, Gesellschaftsvorsitzende, Rechtsanwälte, Börseninvestoren, Makler und Berater. Aber auch Personen, die auf keinerlei Weise mit dem Kapitalmarkt oder irgendeiner Gewebeführung verbunden sind. Alle müssen neben 5 Mitteln für den Sammlerkauf auch Zeit für ihre Leidenschaft, für Suche und Forschung finden. Ich weiß nicht, ob dieser zweite Aspekt bei der Schaffung einer interessanten Sammlung von Wertpapieren nicht noch wichtiger ist.

Die Sammlung historischer Wertpapiere ist vor Kurzem geboren, erst gegen Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Über Jahre war nicht viel los, es gab lediglich einige Sammler. In der Mitte der 90er Jahre erfolgte eine Belebung. Seit 1999 ist die Vereinigung der Sammler Historischer Wertpapiere tätig. Die dynamische Entwicklung begann ca. 2005 und dauert bis heute an.

Was ist 2005 geschehen?

Es sind neue Umsatzstellen entstanden, der Handel bei Allegro begann sich intensiv zu entwickeln. Der Handel mit historischen Wertpapieren ist aus der Stille von Antiquariaten und Antiquitätenmärkten auf das öffentliche Forum getreten. Jeder konnte beobachten, wie die Preise sind, welche Dokumente in Umlauf sind. Dank dem Internet ist der Zugang zu einstigen Papieren und ihren Preisen einfacher geworden, und das hat wiederum das Interesse geweckt. Und da die niedrigsten Preise beliebter Papiere seit Jahren unveränderlich bei 10 PLN beginnen, haben viele Personen sich vom einfachen Start anlocken lassen.

Wie fühlt sich der Sammler nach getaner Arbeit, die für einen ganzen Stab an Wissenschaftlern gereicht hätte?

Ich habe Zeit, Möglichkeiten, einige Mittel. Ich möchte das zeigen, was mich immer schon fasziniert hat, also Wirtschaftsgeschichte. Ich beschreibe die Geschichte, die sich auf unsere Realität auswirkt, die auf eine gewisse Weise die polnische Identität gebildet hat. Heute beruft sich ständig jemand – wenn er über die moderne Wirtschaft spricht – auf Eugeniusz Kwiatkowski, Władysław Grabski und andere frühere Politiker oder Wirtschaftsaktivisten. Ohne Verständnis dafür, was sie gemacht haben, auf welche Weise und zu welchem Ziel, ohne Wisse, was wir Leopold Kronenberg verdanken, und was Jan Gottlieb Bloch, ist es schwer, solche Bezugnahmen zu verstehen und infolgedessen – die aktuell laufenden Streitfälle zu verstehen oder jemandem begangene Fehler aufzuweisen.

Die Geschichte der Wirtschaft erforschen sowohl Wissenschaftler als auch Sammler. Die einen und die anderen können einander unterstützen, sich gegenseitig helfen. Sammler schreiben seit fünf Jahren über die Geschichte der Wirtschaft in dem von uns herausgegebenen „Jahrbuch der Wertpapiergeschichte".

Wie war das Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung Polens im Vergleich zum damaligen Europa?

Wir waren ein sehr armes Land. Schämen wir uns nicht dafür. Die Wirtschaft war auf einem entschieden niedrigeren Niveau als in den Ländern Westeuropas.

Der Katalog diagnostiziert den Zustand des sog. großen Kapitals. Dieses war in Polen, im Vergleich zu Europa, außergewöhnlich schwach. Zum Beispiel war die Tschechoslowakei ein viel reicheres Land als wir. In Polen gab es etwa 2,5 Tsd. Aktiengesellschaften, und in Deutschland z. B. ein Dutzend mal mehr. Zusätzlich war der Durchschnittswert des Kapitals der durchschnittlichen polnischen Gesellschaft um ein Vielfaches niedriger im Vergleich zu deutschen Gesellschaften.

Das örtliche polnische Kapital war gering, ein bedeutender Teil des Kapitals wurde aus dem Ausland übertragen. Polen, und vor allem die Gebiete der ehemaligen russischen Besatzung, wurden z. B. durch französisches oder belgisches Kapital– die diesen Bereich am liebsten durchdrangen – als eine Art Kolonie behandelt. Im Hinblick auf das erhöhte Kapitalrisiko erwartete der Fremde viel höhere Rendite als bei denselben Investitionen in Westeuropa. ©©

—das Gespräch führte Janusz Miliszkiewicz