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Ich habe Sie während einer Unterrichtspause an der juristischen Fakultät der Universität in Oxford angetroffen...
Genau, ich bin einen Tee trinken gegangen. England kann man sich ohne Tee ja fast nicht vorstellen, nicht wahr? Und dazu etwas Süßes oder etwas zum Knabbern, das ist leider nicht gut für die Diät.

Tägliches Radfahren wiederum ist gut dafür, und Sie bewegen sich ja ausschließlich auf dem Zweirad durch die Stadt.

Ich muss hier keine großen Strecken zurücklegen. Von zuhause bis zur Fakultät fahre ich etwa 15 Minuten. Oxford ist keine große Stadt. Ich wohne im ehemaligen viktorianischen Viertel Jericho. Vor dem Krieg gab es hier Fabriken, entlang den Straßen ziehen sich kleine Reihenhäuser, in denen die Arbeiter lebten. Heute hat sich die Gegend in einen modernen Stadtteil für junge Leute, für Künstler verwandelt. Die kleinen Fabriken hat man zu gemütlichen Kneipen umgestaltet. Das Viertel wird durch die Walton Street und einen Kanal begrenzt, an dem Wasservögel leben, das verleiht ihm Charme.

Studenten überall, eine Atmosphäre des Lernens und der Konzentration, aber auch von Partys – da erleben Sie sicher gerade eine zweite Jugend- und Studentenzeit?

Ich fühle mich immer noch jung, aber hier bin ich vielleicht tatsächlich noch jünger (lacht). Ich habe das Gefühl, dass ein interessanter Weg vor mir liegt – noch so viel zu schreiben, zu lesen, zu analysieren. Ich bin als Gastdozent ohne Lehrverpflichtungen hier. Deswegen ist es mein Ziel, Materialien für eine Habilitationsschrift zum Thema M&A zu sammeln.

In Polen sind Sie eine Autorität in diesem Bereich. Sie haben die Kanzlei GESSEL mitbegründet. Woher kam die Idee, nach Oxford zu gehen?

Das war eine ganz natürliche Entscheidung. Die Kanzlei wurde vor 24 Jahren gegründet und befasste sich zu Beginn ausschließlich mit Fusionen und Übernahmen. Unsere Klienten brauchen in diesem Bereich eine solide Beratung. Die Kanzlei verfügt über einen umfassenden Apparat praktischer Lösungen, bereichert durch ein akademisch-theoretisches Fundament. Eine Zusammenfassung der in der Kanzlei gesammelten Erfahrungen und ihre theoretische Analyse waren Teil meiner Doktorarbeit. In der Habilitationsschrift möchte ich die in England angewandten Lösungen vergleichen, aber im Kontext des polnischen Rechts. Die Entscheidung war also eine Ergänzung zu meiner Arbeit im Alltag. Und warum gerade hier? Ich habe hier ca. 200 Urteilssprüche im Bereich M&A, die ich analysieren kann. In Polen gibt es davon etwa... 10. Ich stehe aber im laufenden Kontakt mit der Kanzlei.

Und wie sind Sie überhaupt zum Thema Schiedswesen und Fusionen gekommen?

Nach dem Studium habe ich angefangen, für den polnisch-amerikanischen Unternehmensfonds zu arbeiten – der Erwerb von Unternehmen war in den frühen Neunzigern noch etwas Neues. Ich erinnere mich noch an meine ersten Transaktionen. Ich habe anhand meiner eigenen Fehler gelernt. Die Thematik hat mich schnell gefesselt und ich habe sie in den folgenden 20 Jahren weiter erforscht. Schließlich war ein Niveau erlangt, auf dem ich dann zum Schiedsrichter in solchen Angelegenheiten berufen wurde.

Ist die Arbeit als internationaler Schiedsrichter für einen Rechtsanwalt, der sich mit diesem Gebiet befasst, eine Ehre und die Krönung der Karriere?

Selbstverständlich, es ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Der Schiedsrichter ist schließlich jemand, dem andere Unternehmer dahingehend vertrauen, dass sie ihm die Entscheidung in einer Streitigkeit übertragen.

Sind Sie schon in die Atmosphäre von Oxford und der ältesten angelsächsischen Universität eingetaucht?

Ich habe mir das grundlegende Attribut für das Leben in diesem zutiefst englischen Klima zugelegt: Gummistiefel. Seit meiner Kindheit hatte ich keine mehr. Hier ist es immer so, dass es entweder geregnet hat, gerade regnet, oder bald regnen wird. Aber man gewöhnt sich daran. In Oxford gibt es mehr als 20 Naturschutzgebiete, also genug Orte, an denen ich mit meinen Gummistiefeln spazieren gehen kann.